How I fucked up: VW-Shortsqueeze 2008

In der  „How I fucked up…“-Serie lasse ich meine größten Tradingfehler Revue passieren. Los geht’s mit der Mutter aller Shortsqueezes… Volkswagen im Jahr 2008 (10 min Lesezeit)

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Wie alles begann

Der ganze Schlamassel begann kurz nach der Lehman Brothers Pleite, Anfang Oktober 2008. Ich hatte in den vergangenen Monaten durch das Shorten vieler US-Bankaktien gutes Geld verdient und suchte nun nach Möglichkeiten dieses weiter zu mehren. Schon ein paar Monate zuvor stieß ich auf einen Signaldienst namens „Investment 24“, welcher von einem Trader namens Bernd M. Otto geführt wurde und laut eigenen Angaben zw. Juli 2007 und Mai 2008 alleine +243% verdient hatte. Da musste ich „Supertrader, der schon die US-Banken bezwang“ natürlich dabei sein… Es war der erste deutsche Börsendienst den ich kannte, welcher auch auf das Shortselling zurückgriff. Zum Glück hatte ich schon Ende 2006 meinen Brokerage Account bei IB eröffnet, so dass ich sämtliche Long- und Shorttrades von Investment 24 auch nachbilden konnte. Das Portfolio wurde ziemlich agressiv geführt, von konservativem Risk- und Money Management konnte keine Rede sein. Alles war auf „Performance um jeden Preis“ ausgelegt und ich war mittendrin statt nur dabei.

VW-Short-Starterposition & Aufstockung

Ich erinnere mich noch genau an den Tradealarm den ich von Investment 24 irgendwann Anfang Okt 2008 (an das genaue Datum kann ich mich leider nicht mehr erinnern) bekam: >>Wir shorten aufgrund des steilen Kursanstiegs und der fundamentalen Überbewertung Volkswagen Stammaktien<<. Alles klar, bin dabei…  „Order filled“ Der Shortkurs betrug um die 300€ wenn ich mich richtig erinnere. In den Wochen zuvor hatten die VW-Stammaktien schon um über 50% zugelegt, weil Porsche seinen VW Aktienanteil massiv aufgestockt hatte und viele Analysten einen Übernahme-Versuch vermuteten. Diese fundamentale Tatsache blendete ich allerdings komplett aus. Ich wollte Geld verdienen und nicht nachdenken.

In den nächsten Tagen stieg die VW-Stammaktie weiter stark an und der Kurs stand schon bald nördlich von 400€. Investment 24-Trader Otto war dafür bekannt, Aktien die gegen ihn liefen zu pyramidisieren und in der Vergangenheit hatte er damit auch hohe Gewinne verzeichen können. Natürlich ging er so auch bei Volkswagen vor und vergrößerte die Shortposition als sie gegen ihn lief. Ich dachte mir: „VW hat so eine hohe Marktkapitalisierung, ewig kann die Aktie nicht steigen. Gemäß der fundamentalen Kennzahlen ist die Aktie eh maßlos überteuert und es ist nur eine Frage Zeit bis sie fällt…“ Also vergrößerte auch ich meine verlustreiche Shortposition und wurde zunächst belohnt.

 VW-Korrektur und hohe Buchgewinne

Im unteren VW Stammaktien-Chart seht ihr, dass Volkswagen ein paar Tage später wieder auf 200€ zurückfiel und ich somit auf fetten Buchgewinnen saß. „Aber da war noch mehr drin“ dachte ich mir und behielt deshalb die Shortposition über’s Wochenende offen. Was danach geschah ging in die Geschichtsbücher ein…

Quelle: onvista.de

Porsche-Ad-Hoc und das Unglück nahm seinen Lauf

Am 26.10.2008 ging folgende Nachricht über die Ticker:

Stuttgart, 26. Oktober 2008. Aufgrund der dramatischen Verwerfungen auf den Finanzmärkten hat sich die
Porsche Automobil Holding SE, Stuttgart, am Wochenende entschlossen, ihre Aktien und Kurssicherungspositionen im Zusammenhang mit der Übernahme der Volkswagen AG, Wolfsburg, offen zu legen. Demnach hält die Porsche SE am Ende der vergangenen Woche 42,6 Prozent der Volkswagen Stammaktien sowie zusätzlich 31,5 Prozent cash gesettelte Optionen auf Volkswagen Stammaktien zur Kurssicherung, was in der Summe einen Betrag von 74,1 Prozent ergibt. …

Zielsetzung ist, sofern die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen, im Jahr 2009 auf 75 Prozent aufzustocken und damit den Weg für einen Beherrschungsvertrag frei zu machen. An dem Fahrplan, noch im November/Dezember 2008 die 50 Prozent Hürde bei VW zu nehmen, wird unverändert festgehalten.

Porsche hat sich zu dieser Bekanntgabe entschlossen, nachdem offenkundig geworden ist, dass deutlich mehr Shortpositionen im Markt sind als erwartet. Die Offenlegung soll deshalb den sogenannten Shortsellern – also Finanzinstituten, die auf einen fallenden VW Kurs gewettet haben oder noch wetten – Gelegenheit geben, ihre Positionen in Ruhe und ohne größeres Risiko aufzulösen.

Die Porsche Ad-Hoc Meldung ging an einem Sonntag raus und die VW-Aktie eröffnete am folgenden Handelstag um ca. 50% höher. Von der Ad-Hoc-Meldung selbst hatte ich nichts mitbekommen und erst ein Blick auf den VW-Aktienchart am Montagmorgen machte mich stutzig. Als ich erstmal verstand, dass es sich bei dem angezeigten Kurs nicht um einen technischen Anzeigefehler handelte, war ich wie paralysiert und sah kreidebleich zu, wie meine VW-Shortposition beinahe minütlich mehrere 100€ verlor. „WHAT THE FUCK“ ist das denn bitte??? Konnte nicht mal jemand Mr. Market mitteilen, dass sich hier gerade der Aktienkurs eines überbewerteten, milliardenschweren Autounternehmens übschlug. So etwas gab es noch nie, konnte es nie geben. Wie auch? Also blieb ich short und schaute letztendlich zu, wie Volkswagen an diesem Montag in der Spitze um 200% auf über 600€ anstieg. Ich konnte und wollte meine VW-Shorts nicht glatt stellen, denn dann hätte ich meine mittlerweile exorbitant hohen Buchverluste realisieren müssen. Nein, ich musste einfach durchhalten und warten bis die Vernunft siegte.

Doch von Vernunft war am nächsten Tag noch weniger zu sehen, denn die VW-Stammaktien stiegen weiter. Wer kaufte da? Das es sich hierbei um einen sog. Shortsqueeze handelte, in welchem sich Shortverkäufer aufgrund der Kursexplosion eindecken und somit um jeden Preis Aktien kaufen mussten, verstand ich zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich.

Margin Call: Der Kontotod naht

Der Margin Call von IB ließ aufgrund des imposanten Kursanstiegs nicht lange auf sich warten. VW stand zu diesem Zeitpunkt bei über 800€ pro Stammaktie und mein Buchverlust betrug mehr als 25.000€… Autsch!  Was macht man als Tradingsanfänger in diesem Fall? Natürlich alle andere Positionen verkaufen um so mehr Margin für die Shortposition frei zu machen.

Ein weiteres Problem bestand darin, dass mein Broker IB aufgrund des VW-Kursanstiegs die Aktienleihe von VW nicht mehr anbot. Offene Shortpositionen konnten weiter gehalten werden, jedoch war es nicht mehr möglich neue Shorts in VW zu eröffnen. Ich dachte mir: „Wenn du jetzt deine Shorts schließt, realisierst du deinen Verlust und hast keine Möglichkeit mehr eine neue VW-Shortposition zu eröffnen.“ Also hielt ich meine Position weiter und schaute zu, wie VW am Dienstag in Richtung 1000€ pro Aktie anstieg. Mein Kontodrawdown betrug weit über 50% und meine Buchverluste waren so exorbitant, dass ich Schweißausbrüche bekam, wenn ich daran dachte, dass ich gerade all meine Ersparnisse aufgrund eines bescheuerten Trades gegen die Wand fuhr! Ich hatte allerdings aufgrund weiterer Margin Calls keine Wahl mehr, ich musste covern… Und das tat ich an diesem Dienstag auch, GENAU am All-Time-High.

Mehr Glück als Verstand

Durch die Realisierung meiner Shortverluste hatte ich wieder etwas Buying Power erlangt und mein Kontostand betrug immerhin noch knapp über 10k €.  Ich grübelte fieberhaft wie ich mir das Geld von Mr. Market „zurückholen“ konnte und kam zu dem Schluss, dass es für mich nur die Möglichkeit gab Put-Optionen auf VW Stammaktien zu kaufen und darauf zu hoffen, dass VW nach dem Squeeze in sich zusammenbrach. Folglich lud ich mein Portfolio mit weit aus dem Geld liegenden Put-Optionen mit mehr als 6 Monaten Laufzeit voll und fing an zu beten. All in!

Quelle: onvista.de

Long Story short: Ich bin aus der Nummer mit 2 blauen Augen raus gekommen und hatte am Ende sogar einen Kontozuwachs zu verzeichen, weil meine OTM-Put-Optionen im Preis explodierten, als der Volkswagen-Aktienkurs implodierte.

Ich glaube nicht, dass ich euch heute diese Zeilen schreiben würde, wenn der VW-Aktienkurs nicht in sich zusammengebrochen und folglich meine OTM-Put-Optionen wertlos verfallen wären. Hätte ich noch einmal die Kraft gehabt neue Ersparnisse zu bilden und ganz von Neuem anzufangen? I doubt it…

Und die Moral von der G’schicht…

… vertraue Otto und Investment 24 nicht, hehe. Von Otto hörte ich in der Zeit während des VW-Kursanstiegs übrigens nichts. Da ich keine Updates mehr bekam, ging ich davon aus, dass Otto mit seinem VW-Short sein Portfolio gegen die Wand gefahren hatte, denn aufgrund seiner aggressiven Positionierung übertrafen seine VW-Shortverluste in der Spitze seine Kontogröße.

Aber oh Wunder, als VW den Rückwärtsgang einlegte und wieder zurück auf 200€ fiel, bekam ich von Otto die Nachricht, dass die VW-Position mit GEWINN gecovert worden sei. Wie bitte? Keine Margin Calls o.ä. für Otto? So etwas gelingt ansonsten nur Chuck Norris :P. Mein Abonnement kündigte ich folglich noch am gleichen Tag und soweit ich weiß ging Investment 24 in den kommenden Monaten auch den „Bach runter…“

„Was nahm ich aus dieser Lehrstunde mit?

1.) Trade niemanden nach

2.) Shorte niemals ohne Stop-Loss

3.) Pyramidisiere niemals deine Verluste, nur deine Gewinne

4.) Schließe eine Position umgehend wenn sie gegen dich läuft, du kannst sie (unter normalen Umständen) jederzeit wieder eröffnen.

Ich bin bis heute sehr dankbar dafür, dass ich Teil dieses Börsenspektakels sein durfte. So wurde mir letzendlich bewusst, wie schnell es an der Börse vorbei sein kann. Wer keine Demut vor Mr Market zeigt, bekommt sie früher oder später gelehrt…

Ich hoffe ich konnte die emotionale Achterbahnfahrt dieser Tage einigermaßen nachvollziehbar wiedergeben. Happy Trading 🙂

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Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Toller Bericht. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit damals als 29 Titel im DAX im Minus waren und nur VW Stammaktien mehrere hundert Prozent zulegten.
    Habe beim Lesen eben nochmal alles durchlebt.

    1. Danke für dein Kommentar Pascal. Echt, waren die anderen DAX-Werte alle im Minus? Daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Hatte zu dieser Zeit einen Psycho-Tunnelblick aufgrund der hohen Buchverluste und entsprechend wurde alles drum rum ausgeblendet. Im Rahmen der aktuelen Niedrig-Volaphase sehnt man sich ja fast schon die alten Zeiten zurück 😛 Viele Grüße 🙂

      1. Ja, das war damals so. Die Indizes aller Welt tiefrot. Nur der Dax mit gut 2 Prozent mit Plus. Einzig und allein der VW-Aktie wegen. An diesen Tagen spielte alles verrückt.

        Toller Bericht. Mit Interesse gelesen!

        Gruß!

        1. Vielen Dank für den Reminder Torsten. Grüße zurück aus Thailand 🙂

  2. Weiß eigentlich jemand was aus BMO geworden ist?

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