Blick über den Tellerrand: Mit dem ISM den Konjunkturverlauf bestimmen

Im folgenden Artikel lege ich dar, wie man mittels des ISM-Index den zukünftigen Konjunkturverlauf bestimmen und in einen Handelsansatz integrieren kann  (5 min Lesezeit)

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Viele technische  Analysten sind der Meinung mit Hilfe von Charts langfristige Prognosen (2 Jahre +) über den weiteren Verlauf eines bestimmten Marktes erstellen zu können. Ich halte nicht sehr viel davon. Zwar greife ich bei meiner Entscheidungsfindung auch zu über 95% auf Charts, Indikatoren, Volumen etc. zurück, ich weiß jedoch, dass auf mittlerer bis langer Sicht der Verlauf der Aktien-, Rohstoff-, Währungs- und Anleihemärkte  vom sog. „Business Cycle“ (dt: Konjunkturzyklus) maßgeblich bestimmt wird. Doch was bedeutet Konjunktur überhaupt?

Definition: Konjunktur /-zyklus

Schauen wir uns zu Beginn die wikipedia-Definition an:

„Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotenzials einer Volkswirtschaft. Weiterhin können mehr oder weniger regelmäßige Schwankungen ökonomischer Größen stattfinden wie z. B. Produktion, Beschäftigung, Zinssatz und Preise mit der Folge, dass zyklische Schwankungen der gesamt-wirtschaftlichen Aktivität entstehen können. Gemessen werden kann dieses durch den Grad der Kapazitätsauslastung. Der wichtigste Indikator hierfür ist das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP).“

Der letzte Satz ist wichtig: Wir messen die Konjunkturentwicklung durch das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Wie jeder weiß, verläuft das BIP-Wachstum zyklisch (wellenartig). Die untere Grafik zeigt einen idealtypischen Konjunkturzyklus:

Quelle: slideplayer.org

Konjunkturverlauf in der Realwirtschaft

Soviel zur Theorie. In der Realwirtschaft wird der Konjunkturverlauf in aller Regel durch den Verlauf der Wachstumsrate des BIPs dargestellt, wie ihr im unteren Chart am Beispiel der USA (orange) und Deutschland (blau) sehen könnt. Das BIP-Wachstum beider Länder entwickelt sich im großen und ganzen synchron, lediglich in der Höhe der Wachstumsrate unterscheiden sich die Länder (Ausnahme war die Wiedervereinigung der BRD um 1990).

Quelle: Google.de

Spannen wir nun den Bogen zurück zur Börse: Wie einzelne Assetklassen performen hängt vor allem davon ab, wo sich der Wirtschaftzszyklus gerade befindet (Expansion vs. Rückgang). Aktien- und Rohstoffmärkte laufen in Expansionsphasen in aller Regel gut, wohingegen Rezessionen zu fallenden Kursen führen. Die folgende Grafik von stockcharts.com habe ich schon einmal im Artikel: Traden mit Sektorrotation gebracht:

Quelle: stockcharts.com, eigene Markierungen

Ich schrieb:

Die grüne Kurve zeigt den Wirtschaftszyklus (Erholung, Boom, Rezession, Depression), die rote Kurve stellt den Marktzyklus (Bullenmarkt, Topbildung, Bärenmarkt, Bodenbildung) dar. Da der Markt- dem Wirtschaftszyklus ca. 6-12 Monate voraus läuft, sind die Graphen leicht versetzt. Noch bevor das Wirtschaftswachstum abflaut bilden die Aktienmärkte Tops aus, noch bevor eine wirtschaftliche Depression ihren Höhepunkt erreicht kommt es zu Bodenbildungen am Aktienmarkt etc.. Oberhalb der Graphen sehr ihr zudem verschiedene Aktiensektoren abgebildet. In jeder Phase des Markt- / Wirtschaftszyklus präferieren die institutionellen Anleger bestimmte Sektoren. Das obige Sektorrotationsmodell zeigt den Zusammenhang zw. dem jeweiligen Zyklusstand und den dazugehörigen, präferierten Sektoren.

Den Konjukturverlauf im Blick zu haben schadet deshalb nicht, unabhängig vom jeweiligen Anlagehorizont. Die Frage die sich nun stellt ist: Wie können wir zuverlässig die zukünftige Konjunkturentwicklung  prognostizieren, wenn dies noch nicht einmal den Volkswirten gelingt?

ISM-Index als Frühindikator für den Konjunkturverlauf

Unter institutionellen Anlegern gilt der ISM-Einkaufsmanagerindex (auch PMI genannt) als zuverlässigster Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung in den USA. Hier die wichtigsten Informationen gem. Wikipedia:

Der Purchasing Managers Index (PMI, auch ISM Manufacturing Index) ist ein gewichteter Index aus fünf von zehn Subindizes (Gewichtung in Klammern): Auftragseingang (30 Prozent), Produktion (25 Prozent), Beschäftigung (20 Prozent), erhaltene Lieferungen (15 Prozent) und Lagerbestand (10 Prozent). Für jede Antwort der Umfrage liefert der Report On Business den Prozentsatz, die Nettodifferenz zwischen der Anzahl der positiven Antworten zur Wirtschaft und der negativen Rückmeldungen sowie den Diffusionsindex (Stimmungsindikator) (…)

Der Purchasing Managers Index (PMI) bildet die Entwicklung der US-amerikanischen Industrieproduktion ab. Ein Wert von 50 wird als neutral, ein Wert von über 50 Punkten als eine steigende und ein Wert von unter 50 Punkten als eine rückläufige Industrieproduktion angesehen. Der Index hat im Durchschnitt einen Vorlauf vor der tatsächlichen Industrieproduktion von drei bis sechs Monaten.

Unten seht ihr den Verlauf des ISM seit Anfang der 1950er. Derzeit befindet er sich mit knapp über 60 Punkten stark  im positiven Bereich was für wirtschaftliche Expansion/ Wachstum spricht.

Quelle: finanzen.net

Wie zuverlässig der ISM-Index als Frühindikator für das US-Wirtschaftswachstum taugt, kann im folgenden Graphen abgelesen werden. Dargestellt ist der ISM-Index in blau (linke Y-Achse) und die jährliche Änderungsrate des US BIPs in orange (rechte Y-Achse). Beide sind sehr eng korreliert, wobei der ISM dem US-BIP idR. immer einen Tick voraus läuft.

Quelle: youtube: „Boom, Bust, Rinse & Repeat: Predicting the Global Economy

Da die Aktienmärkte auf mittlere Sicht den Verlauf der US-Wirtschaft abbilden, ist es nicht s verwunderlich, dass es auch eine enge Korrelation zwischen dem ISM-Index und der jährlichen Änderungsrate des S&P 500 gibt, wie im unteren Chart abgelesen werden kann.

Quelle: youtube: „Boom, Bust, Rinse & Repeat: Predicting the Global Economy

Faszinierend oder? Falls ihr des Englischen mächtig seid, dann schaut euch unbedingt den folgenden Vortrag vom ehemaligen Makro Hedge Fonds Manager Raoul Paul von RealVisonTV.com an, in welchem er im Detail darauf eingeht wie er den ISM-Index in seinem Handelsansatz einsetzt.

Fazit:

Mittels des ISM-(Einkaufmanager) Index kann der US-Konjunkturverlauf recht zuverlässig prognostiziert werden. Da die zukünftige Entwicklung diverser Anlageklassen maßgeblich vom Konjunkturzyklus bestimmt wird, kann die Richtung des ISM-Index  auch Rückschlüsse über deren mittelfristige Richtung geben.

Auf jeden Fall nice to know, und vielleicht findet ihr ja eine Möglichkeit, den ISM-Index in euren Handelsansatz zu integrieren 🙂

 

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